Tatsächlich haben Menschen, die altersmäßig in etwa der „Gen Z“- Definition entsprechen würden, die 15- bis 30-Jährigen, der Kundgebung in Dortmund den erhofften und auch angekündigten größeren Zulauf („5.000“) verweigert.
Anwesend waren nur etwa 700-800 Menschen, davon vielleicht die Hälfte ältere Semester, und auch die Jüngeren schienen mir kaum mehr als der Anhang der in Dortmund traditionell aktiven politischen Organisationen aus dem „linken“ Spektrum zu sein. Dass sich Tausende junge Menschen eingefunden hätten, Schüler und Studenten beispielsweise, die sich neu für Politik interessieren und ihre Anliegen in die Öffentlichkeit tragen wollen, das blieb Wunsch.
Ich habe nur einen Teil der Redebeiträge mitbekommen, sie machten mir höchstens in Ansätzen und nur sehr partiell den Eindruck, dass sie sich tiefergehend mit den Erscheinungen und den Ursachen des Verfalls des Schul- und des Bildungswesens überhaupt auseinandersetzen wollten, der anscheinend in Frankreich so deutlich und massenhaft konstatiert und verurteilt wird.
‚Kaputte Schulen‘ gibt es in der Tat, wenn man sich auf die Gebäude und ihre Instandhaltung bezieht, allerorten – neben anderen, jedenfalls in Deutschland, die baulich recht gut in Schuss gehalten oder neu erbaut werden; aber mE müsste vor allem benannt werden, dass das Schulwesen insgesamt seinem Bildungsauftrag immer weniger gerecht wird. Und man kann und muss natürlich bessere psychotherapeutische Versorgung fordern. Wenn aber Gründe für die psychischen Probleme vieler Schüler:innen im Schulwesen selber liegen, dann sollten diese primär zum Thema werden.
Welche Schüler haben denn noch nicht Grund festzustellen, dass ein erheblicher Teil der Unterrichts ständig ausfällt und erhebliche Teile der Prüfungsstoffe schon gar nicht oder nur am Rande behandelt werden? Mir sind Fälle genannt worden, in denen Fünfzehnjährige psychiatrisch behandelt werden mussten, weil sie angesichts der Desorganisation des Unterrichts fürchteten, die Abschlüsse nicht zu schaffen.
Sind Klagen aus Universitäten oder Ausbildungsinstitutionen denn nur Randphänomene, oder wird der Trend nicht zu Recht auf breiter Front konstatiert: dass elementare Kulturtechniken von vielen nicht mehr beherrscht werden, dass Grundwissen über Natur und Gesellschaft fehlt, dass viele junge Menschen es nicht schaffen, komplexere Texten und die darin enthaltenen Probleme zu erfassen und sich damit auseinanderzusetzen? Beim Übergang von der Grundschule in die weiterführenden Schulen wird vielerorts konstatiert, dass nicht einmal mehr die Grundrechenarten richtig beherrscht werden und die Fähigkeit, auch nur kleinere Sachtexte richtig zu lesen und zu verstehen, bei vielen Zehn- oder Elfjährigen schlicht fehlt.
Die Beiträge auf der Dortmunder Kundgebung legten, meinem Eindruck nach, das Schwergewicht auf Probleme wie die Wehrpflicht, die Kriegsertüchtigung, auch auf die teuren Mieten und Lebenshaltungskosten. Namentlich die Heranziehung der Jugend für kommende Kriege gehört natürlich direkt zu der Verdüsterung der gesamten Lebensperspektive, die die Heranwachsenden spüren, und hängt schon einmal aus der Perspektive der Staatshaushalte mit der Herunterwirtschaftung des Bildungswesen zusammen. Aber auch als es die Umsteuerung der Wirtschaft und der Staatshaushalte auf Rüstung und Kriegsvorbereitung noch nicht gab (und bis vor kurzem gab es sie nur in viel geringerem Maße als dies seit den letzten Jahren, seit dem Ukrainekrieg, betrieben wird), waren die fundamentalen Verschlechterungen des Bildungswesens längst spürbar und längst im Gange.
Wenn Staaten ihre jungen Generationen in der Breite immer schlechter ausbilden, und das seit Jahrzehnten, dann sagt das etwas darüber, wie die Tonangebenden dieser Staaten die meisten Bürger dieser Gesellschaften in der Zukunft sehen bzw. sehen wollen: dümmer, unselbständiger, ärmer. Das Gegenteil dessen, was Staaten wie Frankreich oder die Bundesrepublik Deutschland in früheren Jahrzehnten versprochen haben und teilweise routinemäßig noch immer ableiern: gebildeter, sozial gesicherter, zur Demokratie befähigter solle die Bevölkerung werden.
Aber eine dümmere, sozial immer stärker auf Staatsfürsorge angewiesene und auf ihre demokratischen Rechte notgedrungen immer mehr verzichtende Bevölkerung lässt sich leichter regieren, vom Kapital auslutschen und konsequenterweise in Kriegen verheizen.
Wenn man vom Bildungswesen spricht und ungute Entwicklungen kritisiert, dann sollte man derartige Zusammenhänge zumindest für möglich halten und nicht so tun, als würden ein paar Proteste gegen die Wehrpflicht oder Vonovia den Kern treffen oder gar etwas bewirken.
Um auf die heutige Dortmunder Kundgebung zurück zu kommen: dass sie so wenig Zuspruch gefunden hat, kann verschiedene Gründe haben, die ich nicht kenne und nicht kennen kann, höchstens subjektiv vermuten. Einer könnte der sein, dass „Gen Z“ sich von diesem altbackenen, hinter die Zeit zurückgefallenen Betrieb der Hauptwortführer und Organisatoren nicht angezogen fühlt und nicht angezogen fühlen kann.
Ich schließe nicht aus, dass „Gen Z“ sich – in Deutschland – eigenständig politisch zu artikulieren lernt; und auch nicht, dass in den überkommenen Parteien und Organisationen wie etwa der Partei „DieLinke“ oder der „GEW“ manchen Menschen neue Impulse kommen. Das wünsche ich mir, aber wünschen kann man sich auch 5.000 auf dem Platz, die dann wegbleiben.
Am Rande: „GEW“ heißt „Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft“ und müsste eigentlich schon einmal etwas Kritisches von sich gegeben haben, das ihre Verbandeltheit mit Regierungs-SPD und Regierungs-Grünen sprengen würde – dann wäre sie vielleicht in der Gen Z auch nicht so unbekannt.